Mit PaRDeS Gottes Wort besser verstehen?
Vor Jahren wurde unter Christen ein Auslegungsverständnis vorgestellt, das historisch schon recht alt ist, aber bis dahin eher in jüdischen Kreisen bekannt war. Streng genommen handelt es sich dabei jedoch nicht um eine eigentliche Methode und es ersetzt auch nicht andere Auslegungsarten. Vielmehr beschreibt es ein Prinzip, wie tief biblische Texte ausgelegt werden können, nicht nach welchen Regeln dies geschieht. Dieses Verständnis nennt sich PaRDeS. Im Blick darauf, wie man Texte grundsätzlich versteht und erklärt, lässt sich PaRDeS als ein Modell mit mehreren Auslegungsebenen einordnen. Unter Befürwortern dieses Verständnisses werden auch die 7 Regeln von Hillel1 erwähnt, aber das möchten wir hier nicht behandeln.
Im folgenden Text wird beleuchtet, wo PaRDeS herkommt, was es bedeutet und wie es angewendet wird. Diese Abhandlung erhebt dabei keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es wird versucht, das Thema sachlich zu behandeln, sodass der Leser angeregt wird, sich selbst mit dem Thema zu befassen und sich eine eigene Meinung zu bilden.
Herkunft
Der Begriff PaRDeS (hebräisch: פרדס) hat eine vielschichtige Herkunft und Bedeutung. Ursprünglich stammt das Wort aus dem Altiranischen pairidaēza und bezeichnete einen umschlossenen Garten oder Park. Über das Griechische paradeisos fand es Eingang in die Bibelübersetzungen und wurde zum Sinnbild des „Garten Eden“ – und später zum Begriff „Paradies“. Im Hebräischen bedeutet pardes wörtlich „Orangenhain“, kann ein Vorname sein und steht sinnbildlich für Fruchtbarkeit und Wohlstand. Im Tanach (hebräische Bibel) erscheint das Wort nur dreimal – im Hohelied, im Buch Kohelet und im Buch Nehemia – jeweils mit der Bedeutung eines Gartens oder Parks.2
Geschichte im Judentum
Seine besondere Bedeutung im Judentum verdankt der Begriff PaRDeS nicht in erster Linie der biblischen Überlieferung, sondern einer Erzählung im Babylonischen Talmud (Traktat Chagiga). Dort wird berichtet, wie vier der bedeutendsten Gelehrten ihrer Zeit eine Reise in ein geheimnisvolles Areal unternehmen, das der Text „Pardes“ nennt. Nur Rabbi Akiva kehrt unversehrt zurück. Ben Asai stirbt, Ben Soma verliert den Verstand, und Elischa ben Abuja wendet sich vom Glauben ab (wurde Häretiker) – seither wird er nur noch HaAcher, „der Andere“, genannt.
Die Deutungen dieser Begebenheit sind vielfältig. Der Orientalist Lazarus Goldschmidt (1871–1950) sah darin eine „kontemplative Spekulation“ über einen Schriftvers. Auch die mittelalterlichen Tosafot-Kommentatoren verstanden die Reise nicht wörtlich, sondern als geistiges Erleben. Raschi (1040–1105) erklärt, dass der Anblick der göttlichen Gegenwart den Menschen überwältigt habe und daher Tod, Wahnsinn und Glaubensabfall zur Folge waren.
In der jüdischen Mystik fand diese Geschichte weite Verbreitung – von der frühantiken Hechalot-Literatur über die mittelalterliche Kabbala bis hin zum Chassidismus. Der Weg in den Pardes gilt seither als Symbol für das tiefe Eintauchen in die Tora. Wie im Traktat Awot gesagt wird: „Drehe und wende die Tora, denn alles ist in ihr enthalten.“ Und der Talmud lehrt: „Ein Schriftvers hat so viele Bedeutungen, wie ein mit dem Hammer zerschlagener Fels Splitter hinterlässt.“3
PaRDeS als Auslegungsverständnis
Pardes als ein Auslegungsverständnis bzw. ein Auslegungsmodell, beschreibt vier Ebenen der Schriftauslegung. Jeder Buchstabe des Begriffs (ohne Vokale: PRDS) steht für eine Verständnisebene, also eine Schicht, auf der ein Text verstanden werden kann. Jede Ebene erweitert das Verständnis und führt näher an das, was Gott in den Text hineingelegt hat:
- Peshat (פשט) – die wörtliche, einfache Bedeutung des Textes.
- Remez (רמז) – die angedeutete oder symbolische Bedeutung.
- Derash (דרש) – die lehrhafte oder homiletische Interpretation.
- Sod (סוד) – das geheime, mystische (oder esoterische) Verständnis.
Wie kommt es aber, dass der Begriff „Pardes”, der ursprünglich für einen Garten, ein Paradies oder eine talmudische Sage verwendet wurde, heute für ein biblisches Auslegungsverständnis steht?
Der genaue Hergang lässt sich schwer nachverfolgen. Befürworter meinen, dass das Pardes-Prinzip schon zu biblischen Zeiten bestand. Recherchen führen jedoch immer wieder zu einem Namen und einer Zeit, nämlich: Moses de León (1240 – 1305) oder im hebräischen Moshe ben Shem-Tov und das Mittelalter in der dieser Begriff und seine heutige Bedeutung geformt wurde.4
Laut jewishencyclopedia.com beruht die Schriftauslegung auf einer langen Tradition, anfangend bei Esra im alten Testament. Der Part, der für uns interessant ist, lässt sich wie folgend zusammenfassen:
Im Mittelalter entwickelte sich die Bibelauslegung in zwei parallelen Strömungen: In christlich geprägten Regionen dominierte die Midrasch-Auslegung, während in Nordfrankreich die Peshaṭ-Schule entstand, angeführt von Rashi. Er verband wörtliche Interpretation mit traditionellen Midrasch-Erklärungen und sprachlicher Analyse. Abraham ibn Ezra verbreitete die spanisch-jüdische Gelehrsamkeit in Europa, trennte streng zwischen Peshaṭ und Derash und beschränkte philosophische Exegese auf ausgewählte Passagen. Moses Maimonides verband in seinem „Moreh Nebukim“ Aristotelische Philosophie mit Bibelauslegung, unterschied zwischen exoterischer und esoterischer Bedeutung und prägte die philosophische Interpretation nachhaltig. Parallel entwickelte sich die mystische Exegese, insbesondere die Kabbala, deren Methoden im „Zohar“ unter Peshaṭ, Remez, Derash und Sod zusammengefasst wurden. So blieben wörtliche, philosophische und mystische Auslegung über Jahrhunderte hinweg zentrale Strömungen der jüdischen Bibelforschung.5
Moses de León prägte zu seiner Zeit, sehr stark die kabbalistische Strömung. Er gilt als der, der die Sohar (engl. Zohar) erstmals veröffentlichte. Moderne Gelehrte glauben, dass die Sohar sein Werk ist, obwohl er das abstritt.
Bei der Sohar handelt sich um eine Reihe von Büchern, die Kommentare zu den mystischen Aspekten der Thora und Auslegungen der Heiligen Schrift sowie Material über Mystik, mythische Kosmogonie und mystische Psychologie enthalten. Der Sohar enthält Abhandlungen über die Natur Gottes, den Ursprung und die Struktur des Universums, die Natur der Seelen, die Erlösung, die Beziehung des Egos zur Dunkelheit und des „wahren Selbst” zum „Licht Gottes”.6
Dem Sohar wird außerdem die Popularisierung von de Leons Kodifizierung der biblischen Exegese, dem sogenannten PaRDeS, zugeschrieben.6
Die Verbindung des PaRDeS als vier Auslegungsstufen mit dem 13. Jahrhundert sowie der Gebrauch in kabbalistischen Kreisen lässt sich nicht von der Hand weisen. Dabei hat Kabbala nur noch wenig mit dem reinen biblischen Glauben zu tun. Vielmehr handelt es sich dabei um Esoterik, vermischt mit okkulten Praktiken. Dort wird auch der besondere Wert auf die vierte Ebene, dem Sod gelegt.
Befürworter von PaRDeS im christlichen Kontext, bestreiten die Verbindung zum esoterischen/kabbalistischen und führen an, dass es sich dabei lediglich um Fehlleitungen handelt, aber nichts mit dem ursprünglichem Verständnis zu tun hat.
Tatsächlich gibt es auch in der christlichen Geschichte „Die vier Sinne der Heiligen Schrift“. Die von Augustinus von Hippo maßgeblich entwickelt wurden, ihren Ursprung aber auf Paulus und seiner Methode der Schriftauslegung beruhen sollen.
Wikipedia beschriebt die Verbindung der Beiden wie folgend:
Die vier Sinne der Heiligen Schrift sind eine vierstufige Methode zur Auslegung der Bibel. Im Christentum sind die vier Sinne der wörtliche, allegorische, moralische und anagogische7 Sinn. In der Kabbala sind die vier Bedeutungen der biblischen Texte der wörtliche, anspielungsreiche, allegorische und mystische Sinn.8
Mit diesen vier Sinnen wird auch Moses de Leon in Verbindung gebraucht. Er soll diese adaptiert haben und in PaRDeS erweitert haben.9 Dieser Zusammenhang ist jedoch umstritten, da gesicherte Quellen fehlen.
Nicht nur unter Juden findet PaRDeS Anwendung, sondern auch viele messianische Gruppen verwenden diese Methodik. Dabei gibt es jedoch auch kritische Anmerkungen, wie zum Beispiel auf messianicapologetics.blog beschrieben:
Das Hauptproblem der PaRDeS-Hermeneutik liegt weniger darin, dass sie verschiedene Ebenen der Bibelauslegung anerkennt – wörtliche, allegorische oder lehrhafte Deutungen finden sich auch in der Bibel selbst (z. B. Galater 4,21–31, wo Paulus Hagar und Isaak „allegorisch“ deutet). Kritisch wird PaRDeS jedoch, weil sie aus einer späteren Zeit stammt (nach Yeshua und den Aposteln) und oft die Auffassung vermittelt, dass man die sogenannte Sod-Ebene erreichen müsse, um „wirklich geistlich“ zu sein. Diese Ebene bildet die Grundlage der jüdischen Kabbala.
Viele Messianische Christen wenden PaRDeS an, ohne sich der jüdisch-mystischen Herkunft bewusst zu sein. Problematisch wird es, wenn das Streben nach dieser verborgenen Bedeutung dazu führt, verborgene Botschaften in die Schrift hineinzulesen, die dort eigentlich nicht stehen (Eisegese), während die Antworten, die für ein wirksames Dienen Gottes nötig sind, oft klar vor Augen liegen.10
Diese Punkte zeigen, dass man beim Studium von PaRDeS sowohl die Chancen als auch die Risiken im Blick haben sollte – insbesondere wenn es darum geht, die verschiedenen Verständnisebenen der Bibel zu erkennen.
Hat ein biblischer Text mehrere Verständnisebenen?
Um PaRDeS grundsätzlich einordnen zu können, sollten wir zunächst klären, ob biblische Texte überhaupt unterschiedliche Verständnisebenen haben. Die Antwort darauf ist eindeutig: Ja! Und wie bei PaRDeS beginnt auch unser übliches Bibelverständnis immer mit der wörtlichen Ebene.
Wenn es im 1. Buch Mose heißt: „Gott schuf die Erde in sechs Tagen“, nehmen wir das wörtlich. Wenn wir jedoch in Daniel 9 von „sieben Wochen“, „zweiundsechzig Wochen“ und vom „Gräuel der Verwüstung“ lesen, sind wir uns einig, dass dies nicht wörtlich zu verstehen ist. Das Verständnis bewegt sich also auf einer anderen Ebene.
Bei vielen weiteren Bibelstellen sprechen wir gern vom „geistlichen Verständnis“. Ein Text kann eine wörtliche Bedeutung haben – etwa der Einzug ins Land Kanaan – und gleichzeitig eine geistliche, nämlich den Einzug in das himmlische Kanaan am Ende der Zeit.
Bei näherem Überlegen erkennen wir vielleicht sogar noch mehr Ebenen, in denen wir die Schrift verstehen können. Ob man diese Ebenen immer klar voneinander trennen kann oder ob sie immer parallel zueinander bestehen, ist eine Frage, die ein tieferes Studium erfordern würde – was hier den Rahmen sprengen würde. Beim Lesen der Offenbarung wird es ohnehin schwierig, überall einen wörtlichen Sinn zu finden, und das ist auch nicht nötig.
Methodik, Sinn und Zweck des Schriftstudiums
An dieser Stelle ist auch die Frage wichtig: Warum studieren wir überhaupt die Heilige Schrift? Ist es wichtig, bestimmte Regeln und Methoden einzuhalten? Und was möchte Gott eigentlich von uns?
Wenn wir uns an keinerlei Regeln halten, landen wir schnell im Fanatismus oder entwickeln Lehren, die sich bei genauer Betrachtung als unbiblisch erweisen. Tatsächlich ist dies ein Grund, warum heute Vorstellungen wie eine ewig brennende Hölle, die unsterbliche Seele oder eine geheime Entrückung weit verbreitet sind. Wir brauchen also gewisse Regeln.
Noch entscheidender ist jedoch die Frage, warum wir die Bibel studieren – und das hängt direkt damit zusammen, was Gott sich von uns wünscht. Hier sollten wir uns einig sein: Es geht darum, Gott besser kennenzulernen, seinen Charakter zu verstehen und ihm ähnlicher zu werden. Das Wirken Gottes in der Heiligen Schrift offenbart uns seine Liebe und das unendlich große Opfer, das er bereit war, für uns zu bringen.
Wir werden einmal in der Ewigkeit das Erlösungswerk studieren – dass wird das große Thema der Erlösten sein.
Daher tun wir gut daran, schon hier auf der Erde damit zu beginnen.
Abschließende Gedanken und Fragen zu PaRDeS
Zum Schluss sollen noch einige Gedanken und Fragen zum Schriftverständnis anhand der vier Ebenen von PaRDeS Raum finden.
Für jemanden, der neu und unbefangen mit diesem Modell in Berührung kommt, wirkt das PaRDeS-Verständnis sehr faszinierend. Man entdeckt neue Aspekte altbekannter Bibelstellen und bekommt oft den Wunsch, tiefer in das Bibelstudium einzusteigen. Das kann durchaus positiv sein und soll hier nicht geschmälert werden.
Problematisch wird es jedoch, wenn nicht mehr Gott und die Beziehung zu ihm im Mittelpunkt stehen. Studieren wir, um Gott näherzukommen – oder um uns mehr (verborgenes) Wissen anzueignen?
In der Kabbala geht es stark um verborgene Erkenntnisse über Gott und sein Wirken, jedoch nicht unbedingt darum, eine tiefere Beziehung zu ihm einzugehen. Es wirkt teilweise so, als eigne sich der Mensch hier Wissen auf eine Weise an, die weniger auf Gottes Offenbarung beruht, sondern auf der eigenen Anstrengung und Spekulation.
In der Kabbala und später auch im Chassidismus entsteht oft der Eindruck, dass der Mensch versucht, aus eigener Anstrengung Gott näherzukommen.
Die Frage muss daher erlaubt sein:
Sollen wir die Bibel mit einer Methode studieren, die aus dieser Strömung hervorgegangen ist?
Geht es uns wirklich noch darum, dass Gott sich uns offenbart?
Und wenn wir uns auf diese Weise „Spezialwissen“ aneignen, berührt uns dann noch das einfache Wort, das in der Gemeinde verkündigt wird?
Viel Freude beim weiteren Studium und Gottes reichen Segen dabei!
Quellen:
1 https://judentum.hagalil.com/sieben-regeln-des-rabbi-hillel/
2 https://www.ancestry.com/first-name-meaning/pardes?geo-lang=de
https://www.juedische-allgemeine.de/religion/pardes/
https://de.wikipedia.org/wiki/PaRDeS
https://www.balashon.com/2007/12/pardes-and-paradise.html
3 https://www.juedische-allgemeine.de/religion/pardes/
https://www.youtube.com/watch?v=o727pYBQChk
https://www.kabbalah.info/de/kabbala-bibliothek/einzelne-artikel/vier-gingen-in-den-pardes-2
4 https://www.cambridge.org/core/books/abs/science-in-medieval-jewish-cultures/philosophy-and-science-in-medieval-jewish-commentaries-on-the-bible/02B1C126D6C20E6ED6E7DC3592A8CFC6
5 https://www.jewishencyclopedia.com/articles/4568-commentaries-on-the-bible
6 https://en.wikipedia.org/wiki/Zohar
7 https://de.wikipedia.org/wiki/Anagoge
8 https://en.wikipedia.org/wiki/Four_senses_of_Scripture
https://de.wikipedia.org/wiki/Vierfacher_Schriftsinn
9 https://en.wikipedia.org/wiki/Pardes_(exegesis)
10 https://messianicapologetics.blog/pdfs/faq/PaRDeS_FREQUENTLY_ASKED_QUESTIONS.pdf
Mit PaRDeS Gottes Wort besser verstehen? Weiterlesen »